20. Türchen

Die Geschichte als Podcast

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Das Schlaraffenland

Oma Hilde ist 89 Jahre alt. Oma Hilde konnte in ihrem Haus nicht weiter wohnen, denn es hat viele Treppen und beschwerliche Wege. So zog sie vor kurzem in das Pflegeheim der Stiftung. Auch wenn sie sich hier schon ganz wohl fühlte, war es doch ein merkwürdiges Gefühl, in der Adventszeit nicht mehr in ihrem alten Haus zu sein. Früher war das Haus zur Weihnachtszeit bunt geschmückt und ein großer Tannenbaum stand festlich erleuchtet im großen Wohnzimmer. So sollte es auch dieses Jahr sein. Vielleicht nicht mehr ganz so groß und opulent, aber ein kleines Bäumchen musste es schon her.
So brachte Constantin, ihr Enkel, seiner Oma ein kleines Tannenbäumchen zum Schmücken in das Pflegeheim. Der Baum war ein wenig krumm aber herrlich dicht und grün. Constantin stellte den Baum vorsichtig in den verschrammten Ständer neben ihrem Schaukelstuhl. „Da kann ich ihn am besten bewundern“, freute sich Oma Hilde schon jetzt.

Oma Hilde holte aus dem Schrank einen Teil ihres alten Weihnachtsschmucks und schaute sich ihre Schätze in Ruhe an. Der Christbaumschmuck weckte alte Erinnerungen und ließ ihre Augen feucht werden. Außerdem hatten ihr die netten Damen des Heimes frische Walnüsse gekauft. Diese versah Oma Hilde nun mit Häkchen und bunten Bändern und hängte sie zusammen mit den roten Glaskugeln und sowie reichlich Lametta in den Baum.
Ihre Mutter hatte immer Walnüsse an den Baum gehängt und die Kinder durften diese dann zusammen mit den roten Äpfeln verspeisen.
„Wie fröhlich wir waren! Ich habe schon lange nicht mehr gelacht.“, dachte sie traurig.
Als Oma Hilde fertig war, bekam sie Rückenschmerzen und setzte sich in ihren Schaukelstuhl. Vorher öffnete sie das Fenster einen Spalt um frische Luft herein zu lassen. „Wie schön er aussieht! Wenn ich später die Kerzen anzünde, wird es richtig gemütlich und festlich sein.“ Sie schloss die Augen und machte ihr wohlverdientes Nickerchen.

Draußen auf dem Kastanienbaum vor dem Fenster saß schon eine Weile ein braunes Eichhörnchen. Es war Erwin, das Stiftungseichhörnchen. Neugierig beobachtet es das Treiben der alten Frau. Diese hängte Futter auf den Baum und das in rauen Mengen. Erwin konnte es nicht fassen. Nüsse gehören in den Magen oder unter die Erde und nicht an eine Tanne! Als sich die sonderbare Frau nicht mehr rührte, sprang das Hörnchen zum Fenster und lugte in das Zimmer. Der Baum war das reinste Schlaraffenland. Es huschte über die Fensterbank und schlich durch das offene Fenster vorsichtig zu der geschmückten Tanne. Zart biss es in eine Nuss und zog daran. Ein bisschen Intelligenz und Pfötchengefühl später und der kleine Dieb hatte die prächtige Nuss in seinem Besitz. Lautlos huschte Erwin zurück auf den Baum, knackte die Nuss und ließ sie sich schmecken. Sofort danach das gleiche Spiel. Nuss stehlen und gleich fressen oder verbuddeln. Bei diesem Angebot konnte man schlemmen und gleichzeitig die Speisekammer auffüllen.

Oma Hilde wachte auf und machte langsam die Augen auf. Gleich erkannte sie nicht den Unterschied, aber nach einer Minute sah sie mit Erstaunen, dass die Hälfte der Walnüsse auf dem Christbaum weg waren. „Na so was? Ich habe doch alles schön verteilt.“, wunderte sich Oma Hilde. Schnell sah sie unter dem Baum nach, aber auch dort lag keine Nuss auf dem Boden. „Ich werde eben auch langsam senil.“, dachte Oma Hilde und schüttelte den Kopf. Sie setzte sich wieder in den Stuhl und dachte nach. Plötzlich sah sie einen Schatten am Fenster und dann ein kleines Eichhörnchen. Es schlich von der Fensterbank direkt zum Baum und stahl die nächste Nuss. Das Hörnchen war so in seinem geschäftigen Trott, dass es die Frau gar nicht beachtete. Oma Hilde traute ihren Augen nicht. Das war doch unglaublich. Dieses kleine freche Kerlchen stahl ihr den Christbaumschmuck und hatte anscheinend gar keine Angst oder gar ein schlechtes Gewissen. Als das Eichhörnchen die Nuss in seinen Pfötchen hielt und zu ihr herübersah, konnte sich Oma Hilde nicht mehr zurückhalten und lachte so laut los, dass der kleine Frechdachs völlig entsetzt das Weite suchte. Sie lachte und lachte und konnte nicht mehr aufhören. Die Tränen liefen ihr vor Lachen über ihre runzeligen Wangen. „Das ist das schönste und lustigste Weihnachtsfest, das ich je hatte.“, dachte Oma Hilde und klatschte in die Hände und freute sich wie ein Kind.
Es war bereits dunkel und schaltete Oma Hilde geschwind die Kerzen am Baum an. Dann nahm sie eine Handvoll Nüsse und legte sie draußen auf das Fensterbrett.
„Fröhliche Weihnachten mein kleiner Freund!“, rief sie in den Kastanienbaum, „Komm her und hol dir deine Geschenke. Du hast mir so viel Freude beschert, das werde ich dir nie vergessen.“

Als die alte Frau vergnügt ihren herrlichen Tannenbaum betrachtete und leise ein altes Weihnachtslied summte, sah sie das kleine Eichhörnchen auf der Fensterbank sitzen und hereinschauen. Sie fühlte dabei so viel Freude sodass ihre Einsamkeit im Herzen verschwand. „Vielleicht mag es ja auch andere Leckereien,“, überlegte Oma Hilde, „gleich nach den Feiertagen werde ich Futter kaufen und mal schauen ob es wieder zu Besuch kommt.“
Sie war plötzlich überrascht über diesen positiven Gedanken, der ein bisschen nach Zukunft roch und dankte Gott für dieses kleine Geschöpf, das ihr wieder Lebensfreude gegeben hatte.