4. Türchen

Die Geschichte als Podcast

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Das Tagebuch von Franziska Christine

Teil 3:

„Meine Fundation zur höheren Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen…“
Liebes Tagebuch, seit fast 50 Jahren bin ich nun Äbtissin, nicht nur von Thorn, sondern auch von Essen. Jahr für Jahr fahre ich in beide Stifte und kümmere mich dort um die Belange der Menschen. Doch eines Abends passierte etwas Merkwürdiges…

Erschrocken blickte ich auf das Kreuz. Hatte ich das gerade richtig gesehen? Hatte sich da gerade das Gesicht von Jesus wirklich verändert?
Wie war das noch? Ich war zusammen mit meinem Gefolge von einer anstrengenden Inspektionsreise zurückgekommen. Vor dem Tor zu meiner Residenz saß ein kleines Kind. Arm und elend streckte es seine mageren Ärmchen mit einer bittenden Geste aus. Natürlich holte ich eine kleine Silbermünze aus dem Geldbeutel und warf sie dem Kinde hin.

Ignatius, mein treuer Kammerdiener, aber beugte sich zu dem Kind hinunter, streichelte ihm über dem Kopf und sprach einige Zeit mit ihm. So lange, dass ich ihn zur Eile gebot, mir schnell zu folgen. Es war ein langer, mühsamer Tag gewesen.
Und jetzt, beim Abendgebet vor dem Kreuz, erkannte ich im Gesicht von Jesus das Kind wieder. Sollte dies ein Zeichen des Himmels gewesen sein? Mein Verhalten dem Kind gegenüber war nicht liebevoll, ja eher herzlos. Ignatius Fortuna hatte sicherlich mehr Liebe und Zuneigung gezeigt, als er sich dem Kind zuwandte. Die für mich leicht entbehrlichen Münzen hatten nichts am Elend, am Leid, an der Hilflosigkeit des Kindes geändert.

Jetzt wusste ich ganz genau, was zu tun ist.
Ich, Franziska Christine, wollte und konnte wirklich etwas am Leben dieser Kinder verändern. Ich ließ eine Aufstellung über mein gesamtes Vermögen anfertigen und ordnete unverzüglich an, dass in Steele von meinem Vermögen ein großzügiges, ja fürstliches, Waisenhaus erbaut werden sollte, in dem elternlose Kinder nicht nur beköstigt und bekleidet, sondern auch unterrichtet werden sollten, damit sie eines Tages ohne Hilfe anderer für sich sorgen konnten.
Und so ließ ich das Haus bauen, das wir am 4. Dezember 1769 eröffneten. Ignatius und ich begrüßten die ersten Kinder: Aloysius Wilhelmus Funcke sowie seine beiden Brüder Paulus Friedericus und Quirinus Arnoldus.

So habe ich diese Fundation gegründet zur höheren Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen, auf dass sie für ewige Zeiten währe. Und ich ermahnte meine Bediensteten, dass sie gut alle Geschicke des Hauses führen sollten, damit es den Menschen darin gut ergehe.
Wie es wohl in ferner Zukunft, in 50, 100 oder sogar 250 Jahren um meine Fundation steht?

Und so feiern am heutigen Tage alle kleinen und großen Menschen
im Hause der Stifterin das 250. Jubiläum.