Der ehemalige Essener Dompropst Ferdinand Schulte Berge feiert am Donnerstag, 13. September, 100. Geburtstag

Die Übersicht hat er behalten. Und er genießt es. Von oben sieht manches eben anders aus, weiß Prälat Ferdinand Schulte Berge. Und ganz oben wohnt er noch immer. Im obersten Stockwerk des Hauses Zwölfling 14, mitten im Zentrum von Essen. „Hier sehe, hier höre ich die Stadt“, hat er einmal gesagt. Obschon er seit vielen Jahren kein offizielles Amt mehr im Bischöflichen Generalvikariat bekleidet, ein aufmerksamer Beobachter ist der langjährige Hausherr des Essener Doms geblieben. Am Donnerstag, 13. September, vollendet Ferdinand Schulte Berge sein 100. Lebensjahr.
Priesterausbildung zur Zeit des Nationalsozialismus‘
1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, wird er in Gladbeck geboren. Nachdem sein Elternhaus einem Feuer zum Opfer gefallen war, wächst er auf dem Bauernhof der Schwester seines Vaters und ihres Mannes auf. Anders als vom Onkel geplant, der ihn schon als Nachfolger auf dem Hof sieht, entschließt sich Schulte Berge, nach dem Abitur 1937 jedoch Theologie zu studieren, Priester zu werden. Kein populärer Schritt in jenen Tagen. Die ideologische Auseinandersetzung der Nationalsozialisten mit der Kirche strebt gerade ihrem Höhepunkt entgegen. Sein Ziehvater ist ihm nicht böse. Im Gegenteil: „Du musst das tun, was Dir Freude macht“, gibt er ihm mit auf den Weg.
Drei Jahre später muss er sein Studium in Münster unterbrechen, wird als Soldat an die Ostfront geschickt, erlebt schwere Verwundungen und Gefangenschaft. 1946 kann Schulte Berge sein Studium wieder aufnehmen. Am 22. Mai 1948 weiht ihn Bischof Michael Keller in der Heilig-Geist-Kirche in Münster zum Priester.
Karriere im jungen Ruhrbistum
Warendorf im Münsterland und die Bischofsstadt Münster sind seine ersten seelsorgerischen Stationen. 1957 kommt er als Kaplan an St. Joseph und Religionslehrer am St.-Hildegardis-Gymnasium nach Duisburg, das wenig später zum neuen Ruhrbistum gehört. Schon bald wird der erste Bischof von Essen, Dr. Franz Hengsbach, auf den großgewachsenen Kaplan Schulte Berge aufmerksam und holt ihn in die Bischöfliche Verwaltung.
Schulte Berge übernimmt zunächst eine Aufgabe im Referat „Schule“ des Bischöflichen Generalvikariates, dessen Leiter der damalige Dompropst Professor Alois Reiermann ist. Bald darauf wird Schulte Berge Domvikar, Domkapitular und am 1. April 1978 schließlich Reiermanns Nachfolger im Amt des Dompropstes. In dieser Funktion ist er Vorsitzender des Domkapitels, des „Senats des Bischofs“, der diesem bei der Leitung des Bistums zur Seite steht.
Verantwortung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Daneben trägt Ferdinand Schulte Berge die Verantwortung für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Bistums Essen. Schon früh hat er erkannt, wie wichtig die Medien für die Vermittlung der kirchlichen Botschaft in einer zunehmend säkularer und pluraler werdenden Welt sind. Und er fördert sie rückhaltlos, wo er kann. Ob als Diözesanbeauftragter für den privaten lokalen Rundfunk, als Vorsitzender der Gemeinsamen Kommission der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der nordrhein-westfälischen Landeskirchen und Diözesen oder als Aufsichtsratsvorsitzender des „Rheinischen Merkur“. Mit großer Gelassenheit und Organisationstalent meistert er sein umfangreiches Arbeitspensum. Auch die Ökumene, die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche, ist ihm in all den Jahren ein wichtiges Anliegen.
Weltoffen und geradlinig vertritt er die Position seiner Kirche – und wird so ein gefragter Gesprächspartner und Ratgeber. Er weiß, dass der liebe Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt. Mit scharfem Verstand und großer Übersicht versteht er es, bei Konfrontationen Kompromisse zu finden, das einmal richtig Erkannte konsequent durchzusetzen.
Nur ungern entspricht Bischof Dr. Hubert Luthe 1993 Schulte Berges Bitte, ihn zu seinem 75. Geburtstag von seinen Aufgaben im Generalvikariat und als Dompropst zu entpflichten. Von einem Wechsel aufs „Altenteil“ ist der „Emeritus“ da aber noch weit entfernt. Über viele Jahre wirkt er als „Pfarrer im besonderen Dienst“ in der von Essens vorletzter Äbtissin als Waisenhaus gegründeten Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung. Die Kinder, Jugendlichen und ihre Erzieher finden in ihm einen engagierten Fürsprecher und Seelsorger, ebenso die dort lebenden alten und kranken Menschen. Für sie ist er immer nur „Herr Pastor“, am liebsten dann auch „Du, Pastor“. Tatkräftig engagiert er sich viele Jahre auch als Vorsitzender des Essener „Fördervereins für Kinder in Not – Rumänienhilfe“.
Optimismus, Humor und westfälische Bodenständigkeit
Lange Jahre hält er sich vor allem mit ausgedehnten Spaziergängen und durch regelmäßiges Schwimmen im benachbarten Hauptbad neben der Alten Synagoge fit. Beides musste er inzwischen aufgeben. Das Hauptbad ist inzwischen geschlossen und das Laufen fällt ihm schwerer. Dennoch sind die altersbedingten Beschwernisse für ihn kein Grund zu klagen. „Warum auch?“, sagt er nur. In seinem Alter sei das doch ganz normal. Seinen unbedingten Optimismus, seinen besonderen Humor und seine westfälische Bodenständigkeit hat er sich bis heute bewahrt. Und auch die liebenswürdige Eigenschaft, sich und sein Wissen niemandem aufzudrängen. Vielleicht ist deshalb sein Rat nach wie vor gefragt. Auf die Frage, mit welchem Rezept man ein so hohes Alter erreichen kann, muss Ferdinand Schulte Berge nicht lange überlegen. „Du darfst Dich nicht ärgern“, sagt er nur. „Dann freuen sich nur die anderen.“
Ganz oben wohnt er. Für Schulte Berge die schönste Wohnung überhaupt. Aus dem einen Fenster sieht er das über 1000 Jahre alte Essener Münster, aus dem anderen das Rathaus. Zwei Pole, die in Ferdinand Schulte Berge ein verbindendes Glied gefunden haben. Die Geschichte hat ihn gelehrt, dass man aktuelle Ereignisse, Spannungen und Zerwürfnisse zwar ernst nehmen, aber nicht zu hoch bewerten soll. Er ordnet sie ein in einen langfristen Ablauf. Die nahen Glocken des Doms klingen ihm näher als die Stimmen des Tages. (ul)